Warum wir Vintagemode so lieben und wieso der Trend wächst

Vintage ist ein Begriff, der uns immer häufiger begegnet. Bevor ‚vintage‘ en vogue war, wurden ältere und bereits gebrauchte Kleidung, Taschen und Accessoires als „secondhand“ bezeichnet. Dass sich „vintage“ gegen das Synonym „secondhand“ durchgesetzt hat, liegt vermutlich am deutlich mondäneren Klang.
Der Hype um Vintageteile lässt nicht nach, und mehr noch, nimmt zu. Begründungen für die steigende Lust auf Vintagestücke haben wir gemeinsam mit Katharina Eppli erörtert. Sie gehört zur Eppli-Familie und ist im Management für das Familienunternehmen, das Auktionshaus Eppli, tätig. Man trifft sie vor allem in den Königsbaupassagen im Fashion-Store an. Wir von Styleyard haben sie dort besucht, um mit ihr über Vintagemode zu sprechen.

Beginn des Vintagetrends

Es war der 25. März 2001, als Julia Roberts bei der 73. Oscarverleihung in einer schwarz-weißen Valentino Robe über den roten Teppich schwebte. Sie löste einen Hype für Vintagekleidung aus, denn die Valentino-Robe war ein Vintagestück aus der 1992er Kollektion. Damit lief die Schauspielerin als eine der ersten mit einem Vintagekleid über den roten Teppich. Heute ist dieser Trend so gegenwärtig wie nie, vielmehr ist er von einem bloßen „Trend“, der primär den Zustand eines Gegenstandes beschreibt, zu einer eigenen Stilbezeichnung avanciert.

Begriffliche Abgrenzung und Trendentwicklung des Vintagestils

Dabei hat die ursprüngliche Bedeutung des englischsprachigen Wortes „Vintage“ eine ganz andere Herkunft; sie stammt aus dem Bereich der Weinlese und beschreibt den ältesten und besten Wein.

Die Modewelt hat dieses schmeichelnde Adjektiv abstrahiert und zum schickeren Synonym für „Secondhand“ gemacht. Doch muss hier deutlich unterschieden werden, denn „Secondhand“-Kleidung muss zwingend getragen sein, bei Vintagekleidung trifft das nicht zu, sie kann auch einfach nur aus vergangenen Kollektionen stammen. Letztere kann zwar Secondhand sein, aber nicht andersherum.

Vintage-Schätze von Chanel.


Eine genaue Definition ist dennoch schwierig. Einige Experten beharren darauf, dass ein Vintageteil ein Mindestalter von 20 bis 30 Jahren aufweisen muss, um sich für die Auszeichnung „vintage“ zu qualifizieren. Dieser Meinung ist Katharina Eppli nicht, denn für sie sind Teile, die schon mal auf dem Markt waren und nun wieder dem Markt zugeführt werden, ebenso Vintage.

Bereits früh entdeckte sie ihre Leidenschaft für solche Modestücke: „Schon mit 14 Jahren habe ich im Schrank meiner Oma gewühlt.“ Sie schloss zuerst eine Ausbildung ab und absolvierte dann ihren Bachelorabschluss in Köln. Anschließend folgte der Master im Bereich Luxury, Fashion und Sales Management. Der Beruf im Familienunternehmen ist Katharina Epplis „absolute Leidenschaft“, da sie den Wert von Stücken großer Designer wie Gianni Versace und Coco Chanel sehr schätzt. Diese sind äußerst wertvoll, weil diese Pieces – neben dem kulturgeschichtlichen Wert – vom originalen Designer stammen.

Eine Bluse vom verstorbenen italienischen Designer Gianni Versace.

„Vintagemode“ oder auch „Secondhand“ hat im letzten Jahrzehnt einen spürbaren Imagewandel hingelegt. War es vor rund 10 Jahren noch unangenehm, in alter und gebrauchter Kleidung durch den Alltag zu schreiten, ist es gegenwärtig absolut angesagt und man mausert sich zum absoluten Fashion-Kenner.

Auch Katharina Eppli erinnert sich, als vor rund 15 Jahren nach einer Besitzauflösung in einer Villa die Käufer mehr beschämt die Tüten aus der Türe trugen, als voller Freude, wie es heute in den Königsbaupassagen der Fall ist. Sie bezeichnet den Kauf von gebrauchter Kleidung und Accessoires damals als „peinlich“, was äußerst bezeichnend für die damalige Wahrnehmung der Gesellschaft des heutigen Vintagehypes ist. „2012 wurde ich in Köln noch für meine gebrauchten Designertaschen belächelt“, erinnert sie sich.

Katharina Eppli, Managerin des Eppli Fashion Store in den Königsbaupassagen Stuttgart



Nachfrage nach Vintageklassikern im Auktionshaus Eppli

Die beliebtesten Objekte im Fashionstore Eppli im Königsbau sind Teile der drei großen, namhaften Labels Hermès, Chanel und Louis Vuitton. Vor allem nach Klassikern steigt die Nachfrage, Modelle wie die Birkin und Kelly Bag vom französischen Unternehmen Hermès oder der Chanel Flatbag 2.55.

Chanel Bag.

Auch Taschen von Louis Vuitton wie die Speedy oder Keepall sind Verkaufsschlager. Gerade diese Vintage-Klassiker sind es, die kontinuierlich im Wert steigen und damit eine langfristige Wertanlage darstellen.

Im letzten Jahr wurden bei einer reinen Hermès-Auktion 250 Stücke angeboten – die alle von einer einzigen Dame stammten. „Sie hat die Taschen ihr Leben lang als Investment-Pieces gesammelt“, erklärt Katharina Eppli. Vor allem die limitierte „Teddy“ war besonders begehrt und ging am Ende für satte 32 000 Euro über die Theke.[1]


Auktionen im Hause Eppli

Es ist genau diese Art von Angebot und Nachfrage, die das Haus Eppli für sich nutzt. Sie möchten mit dem Ankauf von Secondhand-Teilen Designermode vor allem für jeden zugänglich machen. Einmal im Monat finden Auktionen in der Eppli-Filiale in der Königsbaupassage statt – teilnehmen kann jeder, ohne Voranmeldung. Die Frequenz an Auktionsbesuchern ist in den letzten 2 bis 3 Jahren deutlich gestiegen, und die Nachfrage nach Vintage-Designerteilen lässt nicht nach.

Klassiker wie beispielsweise von Chanel werden je nach Beliebtheit des Pieces teilweise direkt nach dem Posten auf Instagram verkauft. Beliebte Stücke wandern direkt in die Auktion, in der dann die Bieter im Gefecht selbst über den Preis entscheiden. Solche Auktionen gleichen mehr einem Event, keinem routinierten Kaufprozess. Es ist der Nervenkitzel, den viele Kundinnen und Kunden suchen. Das Risiko, das Vintage-Objekt der Begierde nicht zu bekommen, steigert die Lust am Kaufen.

Selbst Stücke mit deutlichen Gebrauchsspuren verkaufen sich problemlos: „Abgewetzte Designerteile sind rentabler als restaurierte, da sie authentischer sind und eine Geschichte erzählen“, findet Katharina Eppli als Begründung. Sie haben im Store auch Kundschaft, die vorrangig auf der Suche nach Handtaschen mit Gebrauchsspuren ist, wie etwa bei Louis Vuitton: „Das Leder ist noch sehr hell und viele Kundinnen und Kunden möchten gerne eine Patina.“

Leichte Gebrauchsspuren erzählen eine Geschichte und machen das Vintage-Teil zu einem Einzelstück.

Besonderheiten der Vintagestücke

Die Besonderheit an Vintage-Kleidungsstücken ist die Seele. Die Stücke haben schon etwas erlebt, hatten möglicherweise mehrere Besitzer und damit eine Geschichte. Selbstredend ist eine neue Designertasche atemberaubend, aber möglicherweise ist es auch genau der fehlende Neuzustand, der Vintageteile so beliebt macht. Sie sind nahbarer als Neuprodukte, nicht nur preislich, sondern auch hinsichtlich der Benutzung.

Bei einem neuen Designerpiece zögert man deutlich länger, ob man es wirklich für diesen Anlass ausführen soll – man neigt zum „aufsparen“. Mit der Mode ist es ähnlich wie mit den Trends: sie kommen ständig wieder, aber die Neuentdeckung von Vintage hat sich zu einem eigenständigen Markt entwickelt, Katharina Eppli erkennt großes Potential darin und ist sich sicher, dass noch lange kein Ende in Sicht ist.

Viel mehr noch, der „Sekundärmarkt könnte noch größer werden als der Primärmarkt“, überlegt sie. Den Grund dafür sieht sie in der zunehmenden Sehnsucht nach Individualität: „Durch die Digitalisierung kopiert man schnell den Stil von anderen. Der Vintagemarkt bietet die Möglichkeit, sich Unikate zuzulegen.“

Eine Christian Dior Saddle-Bag.

Auch der wachsende Nachhaltigkeitsgedanke forciert den Trend. Der Konsument entscheidet sich zunehmend für ein bewussteres Einkaufen; ein Investieren in Stücke mit Geschichte könnte ein Investieren in die Zukunft sein. Namhafte Uhrenmarken kaufen teilweise ihre eigenen Vintagestücke, um sie dann selbst wieder zu verkaufen.
Ob Katharina Eppli neu kauft? „Im Normalfall nicht, außer es handelt sich um Trends, die noch nicht im Sekundärmarkt erhältlich sind, wie der Gürtel mit der Doppel-G-Schnalle von Gucci.“
Übrigens, Julia Roberts bewahrt das Valentino-Kleid für ihre Tochter Hazel in einer Kiste auf, um es ihr zukünftig weiterzuvererben.



Das Styleyardteam wünscht viel Spaß bei der Jagd auf Vintageschätze!


[1] Die ganze Geschichte ist auf Spiegel TV in einer Reportage zu sehen: https://www.spiegel.tv/videos/1536679-die-schatzsucher-vom-auktionshaus-eppli
(Anm. d. Red.)

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