Anfang der 2000er-Jahre wollte ich eine Scheune in Weilheim in der oberbayerischen Provinz  bauen. Ich wollte darin einen Laptop und einen Gitarrenverstärker aufstellen, ein paar Beats laufen lassen, die Tür öffnen und schauen, wer hereinkommt und mitspielt. So oder so ähnlich stellte man sich damals das Indie-Musikleben in der bayerischen Mittelstadt vor, von der man vorher noch nie was gehört hatte, die weltweit aber mehr Einfluss haben sollte als irgendein anderer deutscher Musik-Export zu dieser Zeit.

Musiker spielt auf einer GitarreOb The Notwist, Tied and Tickled Trio oder Console – zwei Handvoll Musiker kombinierten hier in ständig wechselnden Konstellationen klassisches Indiepopsongwriting mit elektronischen Beats, Samples und wüsten Soundschnipseln von sich einwählenden Modems – und  entwickelten daraus eine ganz eigene Stilrichtung. In diesem Umfeld entstand 1998 auch Lali Puna um Sängerin Valerie Trebeljahr. Im großen Schatten von The Notwist & Co. drang der leise Gesang über vier Platten hinweg in die Welt bis hinein in südenglische Keller. Dort nickte Radiohead-Mastermind Thom Yorke wohlwollend mit dem Kopf als er Lali Puna offiziell zu seinen Einflüssen zählte.

Fotografie der Musikerin Lali Puna© Patrick Morarescu

Das neue Album

Nach sieben Jahren erschien Anfang Oktober nun das neue Album „Two Windows“ – und schon kurz nachdem man den Zeigefinger vom Playbutton gelöst hat wird klar: das Warten hat sich gelohnt. Das Album eröffnet mit der Frage: „You got two windows and a pillow, so what do you want?” Für 12 Songs hebt  Lali Puna dann den Kopf von diesem Kissen,  öffnet die zwei Flügel des Scheunenfensters weit und geht dieser Frage nach. Was brauchen wir eigentlich mehr? Und warum? Und ist das in Ordnung? Während Valerie hinausschaut, schauen wir hinein und bemerken: Weniger Gitarren als früher, mehr den Blick Richtung Dancefloor gesenkt, aber nicht zu viel. Die sphärische Schwere und der ephemere Gesang sind noch da, treffen auf die Leichtigkeit von frankophon anmutenden House-Beats und stellen dabei die großen Fragen im Kleinen: „I should be so lucky in love“ (Deep Dream) zum Beispiel und man fragt sich vor dem Hintergrund so schön vor sich hinmäandernder Soundlandschaften: „Ja, warum denn eigentlich nicht?“ Geht aber halt nicht immer. Und dann ist das halt auch so. Und dann muss man eben trotzdem weitermachen.

Lali Puna Cover Two Windows

© Lali Puna

Den Blick zum Horizont gerichtet

Und so geht auf dieser Platte auch viel um das Bauen von Räumen, von Häusern, von Argumentationen, es geht um das sich Einrichten in einer komplexen Welt. Es geht um das draußen und drinnen. Und es geht manchmal auch um den Wunsch, sich dieser Welt einfach zu entziehen. Dennoch ist bei allen Songs der Blick zum Horizont gerichtet, denn „All things must change“. Das große Finale der Platte ist nochmals symptomatisch: Der breitbeinige Testosteron-Rock von Kings of Leon wird im genialen Cover von „The Bucket“ in sein Gegenteil verkehrt – in eine leise, fragende Reflexion auf der spiegelnden Oberfläche eines gefüllten Wassereimers. Und dann schließt sich das Fenster und man freut sich darüber, was man in den letzten 12 Liedern alles gesehen hat. Und man hofft, dass es nicht wieder sieben Jahre dauert, bis man den nächsten Blick ins Innere erhaschen kann.

 

 

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